"Blaues Wunder" in Dresden


Leserrezension

"Frühjahrsflut" von Rosemarie Sauer - Ein Kriminalroman der besonderen Art

Die spannende Aufklärung eines Mordes? Ja, die Suche nach dem Täter erregt den Leser bis zum Schluss. Gleichzeitig geht es keineswegs nur darum. Die tiefere Spannung in diesem Buch ist von subtilerer Art.

Der Roman, der 1999 spielt, ist angesiedelt im schulischen Milieu, das exemplarisch für das ganze Leben in der ehemaligen DDR und in der Nachwendezeit steht. Der Tod eines Informatik-Dozenten an der TU Dresden, vor der Wende Schulleiter einer EOS, einer Erweiterten Oberschule, und danach vom Kollegium seiner Schule kurzerhand abgesetzt, ist der Auslöser für die Kriminalhandlung. Die anonyme Drohung, die man bei der Ermittlung nach seinem mysteriösen Verschwinden bei ihm zu Hause findet, ist symptomatisch für den gesamten Roman. Sie lautet: "Nichts ist vergessen. Sie kriegen, was Sie verdienen." Wieder einmal, so auch in diesem Roman, bewahrheitet sich der oft zitierte Ausspruch William Faulkners: "Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen."

Die Ermittlungen in diesem Kriminalfall führt ein Kommissar aus Würzburg, der nach Dresden gekommen ist, um einen Neuanfang zu wagen. Er beobachtet das Leben hier mit offenem Blick für alles Andersartige und nicht darauf bedacht, alles, was er erlebt und erfährt, "in die Ost-West-Schublade zu tun".

Das differenzierte Bild, das er sich vom Leben und von den Menschen hier zu machen versucht, ist kennzeichnend für den gesamten Roman. Das gilt insbesondere auch für die andere Hauptfigur, eine Lehrerin für Kunst und Deutsch, die an der Schule des Toten unterrichtet hat. Durch den Kriminalfall ist sie zur Erinnerungsarbeit gezwungen. Auch ihr Bild, das sie vom Schulalltag in der DDR zeichnet, ist um Objektivität bemüht, trotz vieler beruflicher Repressalien, die sie erlebte. Nirgends werden politische Karikaturen von "roten Socken" gezeichnet oder billige Klischees von Stasi-Informanten bedient. Insofern ist dieser Roman keine wie auch immer geartete Abrechnung mit der sozialistischen Vergangenheit, sondern eine detailreiche, anschauliche, erfahrungsgesättigte Schilderung vom Leben in der DDR.

Ein nicht geringer Teil des Lesevergnügens an diesem gut lesbaren Roman beruht auf einem farbigen Lokalkolorit. Die Stadt ist nicht nur Schauplatz des Romans, sie spielt selbst mit, indem sie Zeugnis ablegt von den Veränderungen.

Dieser Kriminalroman ist für Liebhaber feiner spannender Geschichten, für Dresdenfreunde und für Interessierte an unserer gemeinsamen Vergangenheit ein schönes Muß.

Dieter Feldtmann, Hamburg





FRÜHJAHRSFLUT

von

Rosemarie Sauer




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