"Blaues Wunder" in Dresden


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"Mit welchen Auskünften kann ich dienen?", fragte der große, sportlich wirkende junge Mann zuvorkommend. Diesmal erwähnte Kauzberg sofort, dass es um den ehemaligen Schulleiter Reppe ging. Dieser Überraschungstest bewirkte keine sichtbare Veränderung in Tino Seegers Verhalten. Er blinzelte nur kurz, blickte sogleich wieder offen. Ja, er sei bei dem Klassentreffen gewesen. Später habe er Besseres zu tun gehabt. Er lachte ansteckend. Gisa sei gekommen, seine erste Liebe, obwohl er sich mit der genauen Nummerierung nicht festlegen wolle. Er lachte wieder, ohne jede Künstlichkeit. Bald darauf seien sie zusammen abgerückt. Was er dann getan habe? Seeger warf Kauzberg einen verschwörerischen Blick zu. Weiteres dazu müsse er doch wohl nicht enthüllen, fügte er anzüglich hinzu, es habe mit Reppe absolut nichts zu tun gehabt. Kauzberg saß zurückgelehnt und beobachtete Seeger unauffällig. Er fand keine deutlichen Anzeichen, ihm nicht glauben zu können. Aber man wusste ja nie.

"Haben Sie andere Teilnehmer des Klassentreffens danach wieder gesehen?" "Vorgestern war ich mit Axel Heinrich ein Bier trinken." "Wurde da auch über die alten Zeiten in der Schule geredet?", fragte Kauzberg. Seeger zuckte mit den Schultern. "Kann sein. Ja, fällt mir ein. Wir haben auch ein paar alte Storys aufgewärmt. Wie das eben so ist nach ein paar Bier." "Welche Erinnerungen waren das zum Beispiel?" Seeger runzelte leicht, aber eine Spur demonstrativ die Stirn ob dieser Hartnäckigkeit Kauzbergs. Einen Moment später erzählte er fast genussvoll weiter. "1984. Ich meine das Buch von Orwell, wie ich mit meinem Pullover mit den weiß leuchtenden Zahlen alle geschockt habe. War ein echtes Glanzstück aus der Produktion meiner Oma. Ich trug ihn das erste Mal bei einem Fahnenappell. Ich musste wegen der Delegierung zu einer Physik-Olympiade nach vorn kommen. Deutlich spürte ich, wie es unter den Schülern knisterte vor Spannung. In der Aula machte sich so etwas zwischen Schock und Sensation breit. Bei den Kleinen wohl nicht, aber die meisten aus den 12. und 11. Klassen wussten Bescheid, was es mit der Jahreszahl auf sich hatte, einige Lehrer sicher auch." "Sie meinen, die anderen Lehrer kannten die Bedeutung der Zahlen nicht?", fragte Kauzberg skeptisch. Seeger sah ihn mit entwaffnendem Lächeln an. "Sie sind also aus den alten Bundesländern", sagte er, eine Spur gönnerisch, "dachte ich mir's doch." Dann wurde er wieder sachlich. "Für Sie ist das sicher unvorstellbar. Nach all dem Hype, der damals um das Buch gemacht wurde. Aber bei uns stand der Orwell auf dem Index, ist ja politisch auch ganz schön scharf. Wer keine Beziehungen zum Westen hatte, wusste damit eben nichts anzufangen. Bis zu uns reichte das Westfernsehen nicht. Dresden hieß nicht umsonst das Tal der Ahnungslosen."

"Welche Lehrer wussten Ihrer Meinung nach über den Titel Bescheid?" "Sicher bin ich nur bei unserer Deutschlehrerin, Frau Sandig. Weil die sich das Buch von einem Mitschüler ausgeliehen hatte. Zutrauen würde ich es auch unserem Physiklehrer, der hieß mit Spitznamen Westsidestory. Auf jeden Fall wussten der Parteisekretär und der FDJ-Sekretär nichts davon. Sonst hätten die mit Sicherheit anders reagiert." "Und der Schulleiter?" "Bestimmt nicht. Sonst hätte der als Erster gegen mich geschossen." "Hat Herr Reppe Sie sonst in irgendeiner Weise ... belegt, würden Sie wohl sagen?" "Am Anfang schon. Wegen meines Zuspätkommens. Aber nach kurzer Zeit kontrollierte er kaum noch. Da hatte er Wichtigeres zu tun und andere im Visier." "Wer waren die?" "Besonders die so genannten Bausoldaten, die den Dienst mit der Waffe verweigerten." "Herr Seeger, denken Sie nach, es ist wichtig: Könnte einer von denen, die Herr Reppe damals drangsalierte, jetzt so etwas wie einen Racheakt verübt haben?" In den dunklen Augen des jungen Mannes blitzte ein Funke. Dann lächelte er überlegen.





FRÜHJAHRSFLUT

von

Rosemarie Sauer




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