"Blaues Wunder" in Dresden


"Heute ist ein Mann ermordet worden, aus gutem Grund", sagte der anonyme Anrufer. Seit Kauzberg die Ermittlungen in Dresden leitete, war noch kein Mord auf diese Weise gemeldet worden. Wo aber war die Leiche?

Dresden 1999. Barocke Prunkgebäude, stalinistische Einheitsarchitektur und moderne Experimente konkurrieren miteinander, die vielen Baustellen stechen ins Auge. Doch das ist es nicht allein, warum sich der aus Würzburg stammende Robert Kauzberg in seiner Wahlheimat erst noch zurechtfinden muss. Er spürt, dass die Gegensätze zwischen Ost und West tief sitzen. Doch weder autoritär gegen "Ostpsychosen" vorzugehen, wie sein Vorgesetzter meint, noch mit gewendeter, aber provinzieller Sicht wie etliche Hiesige zu werkeln scheint ihm für sein Vorgehen angemessen. Da zwingt ihn der neue Fall, sich mit den Strukturen einer Schule zur DDR-Zeit auseinander zu setzen. Welche Auswirkungen haben dramatische Ereignisse zwischen Lehrern, Schülern und Funktionären damals auf das unerklärliche Geschehen während eines Klassentreffens vor ein paar Tagen? Immer häufiger sucht der Kommissar aus dem Westen das Gespräch mit der Dresdner Lehrerin Katja Sandig.

"Bei den meisten wäre Hass ein zu starkes Wort. Aber auf eine trifft es zu. Auf mich", hört Katja sich gestehen. Es hilft nicht, sie muss sich erinnern, an die traumatischen ebenso wie die beglückenden Momente ihrer Tätigkeit damals. Dann trifft die Nachricht vom Selbstmord eines Schülers, eines der begabtesten dieses Abiturjahrgangs 1986, sie wie ein Schlag. Wie konnte es dazu kommen? Und wie haben andere dieser Abiklasse die damaligen Ereignisse verarbeitet? Hier Suizid, dort Gleichgültigkeit, Verdrängung ... gehört nun auch Mord zu den Auswirkungen? Das Hochwasser dieses Frühjahrs steigt unablässig. Was geschah wirklich in der Neumondnacht am Blauen Wunder? Und eines Tages wird die Leiche doch noch von der Elbe angespült ...

Ein Schulkrimi? Ja und nein. Ja, weil die Kriminalhandlung durch Spannung und Dichte des Geschehens besticht. Nein, nicht nur, weil tiefer gelotet wird. Aus der Darstellung von Schule in der DDR durch zahlreiche authentische Ereignisse dieser Zeit erwächst Glaubwürdigkeit. In unverwechselbaren Szenen und lebendigen Dialogen geht es um Probleme von Jugendlichen und Lehrern, damals unter dem politischen Druck von Funktionären, aber auch jetzt im Gymnasium. Unterschiedliches menschliches Verhalten damals und heute wird im Brennpunkt Schule unter die Lupe genommen. Der Gefahr einer Schwarz-Weiß-Darstellung vermag die Autorin durch eine differenzierte Figurenzeichnung zu entgehen. Ein besonderer Vorzug des Kriminalromans besteht im "doppelten Blick", der in den Kapiteln konsequent abwechselnden West- und Ost-Sicht - so bisher nirgends zu finden.

Wer außer einer spannenden Kriminalhandlung Authentizität schätzt, speziell zu Schulen in der DDR und heute, wird in "FRÜHJAHRSFLUT" fündig. Auch authentische Beispiele zu den Veränderungen in Dresden nach der Wende - Kriminalpolizei, Schulen, Baugeschehen, Umgebung - werden gebracht.


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FRÜHJAHRSFLUT

von

Rosemarie Sauer




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